El paro movilizado

Ernesto Rico Schmidt am 13. Juli 2017

Die Italiener haben il sciopero, die Bolivianer el paro movilizado. Nach Jahren der fast inflationär übermäßigen Nutzung ist er fast wirkungslos geworden und trifft auf ähnliche Ablehnung und Ärger der Bevölkerung wie in Italien.

Die mobilisierte Stilllegung ist ein Euphemismus für eine brutale und teilweise gewaltbereite Form des Protestes. Wichtige Straßen und strategisch wichtige Punkte werden blockiert. Der Transport stand diesmal Still, weil die Gewerkschaften von transportistas Straßenkreuzungen und Brücken mit ihren micros und trufis blockieren und Abweichler beschimpfen und manchmal auch dreschen.

Der Grund für den Protest diesmal ist die angekündigte und bereits beschlossene Erhöhung der Stromtarife um drei Prozent und die neuerliche Einschränkung des Streikrechts für Ärzte und medizinisches Personal sowie andere Maßnahmen der Regierung. Eine Seltsame Kombination meiner Meinung nach.

Für meine Familie würde die Erhöhung des Stromtarifs es eine Erhöhung um sagenhafte sechs bolivianos im Monat, also umgerechnet nicht einmal ein Euro, bedeuten. Ein Liter Milch oder zwei Fahrten mit einem trufi.

Dazu aufgerufen hat die Central Obrera Boliviana, die zentrale bolivianische Arbeitervereinigung, die einzige Gewerkschaft im Land. Teilgenommen haben eigentlich fast nur die transportistas. Wegen den Blockaden fuhren aber ein Tag lang keine Busse aus Cochabamba nach La Paz, Oruro und Santa Cruz, die Straßen waren gestern aber auch nicht voll verstopft mit alten micros und überfüllten trufis. Der Erfolg war dennoch mäßig, auch wenn die Organisatoren ihn als überwältigend bezeichnen und neue Kampfmaßnahmen ankündigen. Die Regierung tut ihn als wirkungslos ab.

Da blieb nur entweder das alte Fahrrad, das wohl sonst nur an den auto-freien Tagen genutzt wird, wieder herauszuholen, oder zu Fuß zu gehen. Oder mit dem eigenen Auto oder mit dem Geld für die Tariferhöhung mit dem relativ billigen Taxi zu fahren und hoffen, dass am Weg keine Blockade ist.

Nach fast 20 Jahren in Österreich, einem Land, wo die Statistik Streiks in Minuten pro Arbeitnehmer pro Jahr führt und der letzte große landesweite Streik mit "Gemütlichkeit statt Chaos" vom Spiegel betitelt wurde, ist es ein wenig befremdlich, vor allem angesichts dessen, dass Streiks wichtige und bedeutsame Mitteln des Protests waren und auch bedeutende Siege in der jüngsten Geschichte Boliviens erreicht haben.

Aber es ist auch amüsant, immer wieder nicht Bolivianerinnen und nicht Bolivianern zu erklären was eine mobilsierte Stilllegung ist, eine Blockade in Bewegung, genauso sinnent­leert, wie es sich anhört.

Mein Vater meint, dass es nur ein Ausdruck der populären Metaphysik ist.